Du stehst mit einem lauwarmen Glas Prosecco am Rand eines Netzwerktreffens. Du lächelst, nickst, hältst dich brav an die Regeln des Business-Smalltalks. Du plauderst über Quartalszahlen, die aktuellsten Erfolge in der Kundenakquise und Skalierungsideen. Doch bevor die Gespräche Tiefe und Substanz bekommen könnten, schwirren deine Gesprächspartner*innen schon weiter.
Weil du Profi im Maskieren bist, merken die Leute um dich herum nicht, welche Kämpfe in dir passieren. Innen drin fragst du dich, was du falsch gemacht haben könntest, was der Grund ist, dass aus dem Kennenlernen kein wirkliches Gespräch geworden ist. Du überwindest dich und stellst dich zur nächsten Gruppe – weil sich das so gehört – und zählst die Minuten, bis du endlich gehen kannst …
Wer neurodivergent und selbstständig ist, kennt diese Situationen. Spürt, wie viel Arbeit in das Anpassen reinfließt, um Teil einer Gruppe zu sein. Und dennoch (oder gerade deshalb) fühlt man sich genau in dieser Gruppe einsam. So ist es auch Madeleine in ihrem ersten Jahr der Selbstständigkeit gegangen:
„Am Anfang war ich auf mindestens zwei Netzwerktreffen pro Woche. Mir ist klar, wie wichtig das in der Selbstständigkeit ist, um sich einen Namen aufzubauen, um irgendwann auch Empfehlungen zu bekommen. Aber ab einem gewissen Punkt war klar, dass ich das so auf Dauer nicht leben kann. Also hab ich mich zurückgezogen und überlegt, wie es weitergehen kann.“
Was dabei rausgekommen ist, liest du weiter unten. Zuerst schauen wir uns an, warum Netzwerken mit ADHS, Autismus oder AuDHD so viel Kraft kostet. Spoiler: Dein Gehirn leistet an so einem Abend Schwerstarbeit.
Warum dich Netzwerken mit ADHS so viel Energie kostet
Auf einem Netzwerktreffen passiert sehr viel gleichzeitig: Hintergrundmusik, Gläserklirren, drei Gespräche am Nebentisch, das Summen der Lüftung. Für neurodivergente, und reizoffene Hirne (das Gehirn filtert diese Geräusche nicht automatisch weg) kann einen das schnell an die Grenzen bringen.
Kurz gesagt kann man ein Netzwerkevent so zusammenfassen: zu viele Gespräche gleichzeitig, zu viel Lärm, viel zu viele Namen. Wenn sich dann noch Parfum mit Küchengerüchen vermischt und ein Licht flackert ist der Meltdown absehbar.
Für dich ist also schon das „Aushalten der Räumlichkeiten“ ein aktiver Arbeitsaufwand und zusätzlich musst du dann auch noch:
- Name und Branche deines Gegenübers merken, bevor du auch nur irgendeinen potentiellen Aknüpfungspunkt kennst. Ganz zu schweigen, dass dein Arbeitsgedächtnis bereits ohne diese Informationen ausgelastet ist.
- Aus Respekt das aktuelle Gespräch weiterführen, auch wenn das Gespräch nebenan spannender klingt.
- Augenkontakt dosieren: genug, damit du interessiert wirkst, aber es nicht als starren ankommt. (und je mehr du auf deinen Augenkontakt achtest, desto weniger bekommst du vom Gespräch mit…)
- Das wippende Bein stillhalten, nicht auf deinen Haaren kauen oder an deinen Klamotten rumspielen. Du unterdrückst also dein Stimming und verbietest dir in dieser stressigen Situation alles, was dich beruhigen und regulieren würde.
- Die Begeisterung für dein Lieblingsthema bremsen, bevor ein Infodump daraus wird. Obwohl du ja eigentlich genau deshalb auf Networking-Events gehst: Um dich mit Menschen zu deinem Fachbereich auszutauschen…
Jeden einzelnen Punkt der Liste, den du bewusst steuerst, ist aktives Masking. Und Masking kostet Energie. Mit der Löffeltheorie erklärt (jede Tätigkeit kostet eine bestimmte Anzahl Löffel, und der Vorrat in deiner Löffel-Lade ist pro Tag begrenzt): Je nachdem wie dein Tag bis zu dem Netzwerktreffen lief, kann deine Löffel-Lade schon nach 30 Minuten leer sein.
Und dann der Smalltalk, um den man bei sochen Veranstaltungen einfach nicht herumkommt, für neurodivergente Hirne einfach nicht passend ist … Viele autistische Menschen denken monotrop: Sie tauchen also mit voller Aufmerksamkeit tief in wenige Themen ein. ADHS-Gehirne agieren Interessensbasiert: Sie springen also an, sobald etwas wirklich interessant ist, und schalten bei Floskeln auf Durchzug.
Smalltalk bedeutet aber alle paar Minuten das Thema zu wechesln und bleibt deshalb an der Oberfläche. Also eine besonders zähe Gesprächsform für neurospicy Menschen.
„Was hab ich falsch gemacht?“ – das Double Empathy Problem
Erinnerst du dich an die Grübelfrage „was hab ich falsch gemacht?“ aus der Einleitung? Die Forschung hat dazu eine Antwort. Der autistische Soziologe Damian Milton hat 2012 den Begriff Double Empathy Problem geprägt. Die Idee: Wenn sich autistische und nicht-autistische Menschen missverstehen, tragen beide Seiten dazu bei. Zwei unterschiedlich verdrahtete Gehirne verstehen einander schwerer, und zwar in beide Richtungen. Der Begriff stammt zwar aus der Autismusforschung, dennoch erkennen sich viele Menschen mit ADHS oder AuDHS auch darin wieder.
Und dann kommt bei manchen auch noch Rejection Sensitive Dysphoria (RSD) dazu: eine besonders heftige Reaktion auf echte oder vermutete Ablehnung. Deshalb spielst du jedes Gespräch wieder und wieder in deinen Gedanken durch, und fragst dich bei jedem Satz ob der vielleicht komisch rübergekommen ist, ob er dich um einen guten Geschäftskontakt gebracht hat…
Deshalb an alle, die nach dem letzten Netzwerktreffen noch immer grübeln was sie falsch gemacht haben: Ein zähes Gespräch oder ein Gespräch, dass von anderen abgekürzt wird ist ein Passungsproblem. Über deinen Wert als Person oder Unternehmerin* sagt es wenig aus.
Der Social Hangover gehört beim Netzwerken mit ADHS dazu
Der Netzwerkabend ist vorbei, die Visitenkarten stecken in der Jackentasche. Am nächsten Morgen fühlt sich dein Kopf an wie nach einer durchgemachten Nacht, obwohl es bei einem Glas Prosecco geblieben ist. In der neurospicy Community gibt’s den passenden Begriff dazu: Social Hangover. Also die Erschöpfung die durch den Masking-Aufwand bei sozialen Interaktion kommt.
Ist mit dir was falsch, wenn du nach einem Netzwerkabend viel Zeit zum Erholen brauchst? Natürlich nicht, du hast vor Ort Höchstleistungen erbracht!
Netzwerken geht auch anders
Nach ihren Erfahrungen mit klassischen Networking-Events hat Madeleine nach Alternativen gesucht – und für sich gefunden:
- Jedes gute Gespräch ist der Startpunkt: Wann immer sich irgendwo ein gutes, tiefes Gespräch ergibt, sieh es als Möglichkeit dein Netzwerk zu erweitern. Frag nach ob ihr euch über einen Social Media Kanal vernetzen könnt oder tauscht eure Telefonnummern aus. Wenn ihr euch bei einer Aktivität wie z.B. beim Sport kennengelernt habt, besteht auch die Möglichkeit sich direkt für ein nächstes Treffen zu verabreden.
- Um Vorstellungen bitten: frag Freund*innen und Menschen aus deinem Netzwerk, ob sie jemanden Kennen, der zu dir und deinem Netzwerk passt. Bitte sie gleich den Kontakt für dich herzustellen. Ein Gespräch, das mit „Ihr zwei müsst euch unbedingt kennenlernen“ beginnt, hat die Smalltalk-Phase schon hinter sich.
- Sei du selbst: Wenn für dein Netzwerk „Qualität statt Quantität“ zählt, dann brauchst du Menschen die dich kennen, verstehen und schätzen. Nämlich genauso wie du bist. Ohne Masking und Anpassen. Zeig dich also wie du bist! Die Menschen die zu dir passen finden dich und machen dein Netzwerk erst zu dem was du dir wünscht.
- Plane vor: Manchmal stehen die klassischen Networkings trotz allem auf der Agenda und dafür brauchst du einen Plan.
- Am wichtigsten ist, dass du das Event als Arbeit und nicht als eine Freizeitaktivität siehst. Wenn ein normaler Arbeitstag bei dir 8h dauert, dann plane deinen Tag so, dass das Networking Teil der 8h ist (und nicht im Anschluss on top läuft).
- Lege vorab auch fest was dein Ziel für diesen Event ist z.B. spezielle alte Kontakte treffen oder zwei Neue machen,… Sobald du dein Ziel erreicht hast, gehst du mit gutem Gewissen nach Hause – auch wenn das schon 30 Minuten nach Beginn ist.
- Blocke dir für den nächsten Tag den Vormittag. Nutze ihn wahlweise zum Regenerieren oder um deine Follow-Ups vom Netzwerken zu planen bzw. umzusetzen.
- Formate wählen, die weniger Energie kosten: Teste für dich ob Online-Netzwerktreffen, Frühstücks- oder Mittagsevents besser zu dir und deiner Energie passen. Suche nach Netzwerken, die mehr als nur „Selbstständigkeit“ als verbindenden Faktor für die Teilnehmer*innen haben. So hast du gleich ein Thema, über das du mit anderen sprechen kannst.
Netzwerktreffen, die zu deinem Gehirn passen
Nun ja, mit Punkt 5 – Formate wählen – ist Madeleine, dann doch an Grenzen gestoßen. Und weil sie einfach keine Netzwerke gefunden hat, die Business und Neurodivergenz verbunden haben, hatte sie eine Idee…
Und so kam es, dass Sabine, Sissi und Madeleine den Verein the color WE gegründet haben. Denn alle Drei haben sich „endlich Austausch mit jemandem gewünscht, der diese Welt versteht. Wo man sich nicht erklären muss und man einfach sein kann.“
Neben Angeboten wie Body Doubling & Co-Working, veranstalten wir natürlich auch neurospicy Netzwerkevents. Online- & Offline, Mittags & Abends, damit für jede Präferenz & Energie was dabei ist!
Wenn du beim nächsten Netzwerken dabei sein willst, dann kannst du dich auf unserer Eventseite anmelden. Garantiert neurospicy & kostenlos! Wir halten dir einen Platz frei.

