Kategorie: ADHS

  • Nach dem Urlaub wieder in die Gänge kommen: Deine 5-Schritte-Strategie für einen sanften Arbeitsstart mit ADHS

    Nach dem Urlaub wieder in die Gänge kommen: Deine 5-Schritte-Strategie für einen sanften Arbeitsstart mit ADHS

    Es ist der erste Montag im September, der erste Montag nach deinem Urlaub. Der Laptop ist aufgeklappt, der Kaffee steht daneben, das Postfach zeigt 87 ungelesene Mails, und die To-Do-Liste vom Juli wartet auch noch auf dich.

    Eigentlich hast du dich sogar gefreut, nach dem ruhigen Sommer wieder mit Vollgas zu arbeiten. Und jetzt, wo es losgehen sollte, fühlst du dich wie gelähmt. Statt Hyperfokus stellt sich bei dir eine Mischung aus Frust und Selbstzweifel ein. Nach dem Urlaub kommst du einfach nicht mehr in die Gänge…

    Wenn der Urlaub bei ADHS mehr Energie kostet als bringt

    Kurzurlaub, Sommerpause oder auch nur ein paar ruhigere Wochen tun gut. Ein Tapetenwechsel bringt neue Perspektiven, ein Ortswechsel erlaubt die ungeliebten Alltagspflichten zu vergessen. Ein Traum! Unweigerlich steht dann aber auch wieder der erste Arbeitstag nach der Auszeit an – und er bringt einiges an Herausforderungen mit sich.

    Sabine beschreibt ihr Gefühl am ersten Arbeitstag wie folgt:

    „Ich fühl mich, als ob ich einen Jetlag habe; ich bin enorm müde, bin unmotiviert und mein Energietank ist leer, obwohl der Urlaub erholsam war.“

    Während andere voller Energie loslegen, fällt es Madeleine schwer, nach dem Urlaub in die Gänge zu kommen. Für sie fühlt es sich an, als müsste sie ohne Hilfe eine Dampflok in Bewegung bringen.

    Abläufe und Rituale, die vor der Pause ganz selbstverständlich zu deinem Arbeitsalltag gehört haben, werden auf einmal wieder zur Herausforderung. Der Start fühlt sich schwer an, die Motivation lässt auf sich warten, und das Umschalten von Erholung auf Leistung will einfach nicht gelingen.

    Doch warum ist das so?

    Warum es ADHS-Hirnen so viel Energie kostet, nach dem Urlaub wieder in die Gänge zu kommen

    Nach einer Pause fehlen neurospicy Hirnen gleich drei Dinge, um den „Back to Work Modus“ für die Selbstständigkeit zu aktivieren: die gewohnten Rituale, der innere Antrieb und eine Struktur, die den Wiedereinstieg erleichtert.

    Der erste Arbeitstag bedeutet für selbstständige Menschen mit ADHS also:

    • „von Urlaub auf Alltag“ umzuschalten – also die gewohnten Abläufe zu reaktivieren,
    • „Erholung in Leistung“ umzuwandeln – somit Zugriff auf den inneren Antrieb zu haben,
    • eine Struktur
      • für sich selbst finden, mit der man den Wiedereinstieg organisieren kann, UND
      • generell wieder eine Struktur für die Selbstständigkeit etablieren.

    So aufgesplittet erklärt es sich fast von selbst, warum der Wiedereinstieg nach dem Urlaub ADHS Hirnen besonders viel Energie kostet.

    Die typischen Zeichen, dass du nach dem Urlaub nicht in die Gänge kommst

    Nicht jede Person hat ein klares Jetlag- oder Dampflok-Gefühl, wie es Sabine & Madeleine beschrieben haben. Bei manchen Menschen sind es mehrere Thematiken, die nach dem Urlaub geschachtelt auftreten. Einzeln betrachtet, gehören sie für die meisten zum „normalen ADHS-Leben“ dazu:

    • Startschwierigkeiten: Der Arbeitstart wird immer wieder verschoben und man hat keine Ahnung, womit man eigentlich beginnen soll.
    • Gewohnte Arbeitsabläufe fallen schwer: Auch wenn man es vor dem Urlaub im Schlaf konnte, fühlt sich jetzt alles unlogisch, unpraktisch oder komplett neu an.
    • Motivations- und Planlosigkeit: Unterschiedlichste Aufgaben und Arbeiten werden begonnen und gleich wieder beendet, weil man den Sinn darin nicht sieht. Und Freude stellt sich auch nicht ein.
    • Überforderung: Die Aufgaben, die vor dem Urlaub liegen geblieben sind, fühlen sich riesig und fast nicht bewältigbar an.
    • Perfektionismus als Coping-Strategie: Das schlechte Gewissen stellt sich ein, weil man nach dem Urlaub ja eigentlich erholt und mit doppelter Energie Dinge voranbringen sollte. Deshalb stellt sich der Perfektionismus ein und zwingt uns unrealistische To-Do-Listen zu erstellen.

    Deine 5-Schritte-Strategie nach dem Urlaub

    Damit du nach deinem Urlaub nicht gleich in einem Freeze- und Frustloch landest, haben wir dir eine 5-Schritte-Strategie vorbereitet, mit der du nach dem Urlaub wieder in die Gänge kommst. So bekommst du leichter deine Struktur, inneren Antrieb und gewohnte Abläufe zurück.

    1. Überblick verschaffen

    Bevor du Mails beantwortest oder neue Projekte beginnst, verschaff dir zuerst einen Überblick über alles:

    • Was ist an Aufgaben offen geblieben?
    • Welche Aufgaben sind während meines Urlaubs neu dazugekommen?
    • Haben sich bei meinen Aufgaben Anforderungen verändert?
    • Haben sich Deadlines verändert?
    • Haben sich Prioritäten verändert?

    Am besten schreibst du für jede Aufgabe ein eigenes Kärtchen oder Post-it. So entlastet du dein Arbeitsgedächtnis und hast eine einfache Möglichkeit geschaffen, um deine Aufgaben zu organisieren & priorisieren. Das hilft sofort gegen das Gefühl der Überforderung.

    Wenn du noch eins drauf setzen willst, dann kannst du die Aufgaben noch um eine Zeitschätzung ergänzen. Schreib einfach dazu, wie lange du glaubst für die Erledigung zu brauchen.

    2. Top-Drei Aufgaben festlegen

    Jetzt, wo du den Überblick hast, geht’s darum, deine Top-Drei Aufgaben festzulegen. Du solltest pro Arbeitstag deiner ersten Arbeitswoche drei Aufgaben haben. Schau dir dazu deine offenen Aufgaben durch und stell dir folgende Fragen:

    • Welche dieser Aufgaben schaffen es, meinen inneren Antrieb am schnellsten zu reaktivieren?
    • Welche dieser Aufgaben lassen sich am ehesten innerhalb meiner gewohnten Abläufe erledigen?
    • Welche dieser Aufgaben helfen mir am meisten meine unternehmerischen Ziele zu erreichen?

    Wenn du Glück hast, findest du Aufgaben, die alle drei Anforderungen erfüllen. Wenn nicht, dann stell dir eine „gute Mischung“ zusammen. Das wichtigste ist es, Aufgaben zu wählen, die dich schnell wieder in deinen üblichen Arbeitsmodus bringen können.

    Nur damits da keine Missverständnisse gibt… Eine Aufgabe ist eine klar abgegrenzte Tätigkeit, die man innerhalb von maximal einem Tag erledigen kann! Einen Blogartikel zu verfassen kann also eine Aufgabe sein. Die „Website neu zu machen“ ist hingegen ein Projekt mit mehreren Aufgaben.

    3. Realistische Tages- und Wochenplanung festlegen

    Weil Menschen mit ADHS häufig unterschätzen, wie lange es tatsächlich dauert, eine Aufgabe zu erledigen, ist eine realistische Tages- und Wochenplanung der Schlüssel fürs dranbleiben!

    Deshalb ist es bei der Tages- und Wochenplanung wichtig zu bedenken, wie viel Zeit deine geplanten Aufgaben wirklich brauchen.

    Gleichgültig, ob du deine Zeitschätzung mit oder ohne Kärtchen machst; sei bei deinen Zeitschätzungen lieber ein bisschen pessimistisch! Plane außerdem bewusst Pufferzeiten zwischen den einzelnen Aufgaben ein. Du weißt ja, wie schwer es ist, von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln.

    Verteile deine Aufgaben jetzt so auf die einzelnen Arbeitstage, dass sich drei Aufgaben innerhalb von deiner jeweiligen Wunscharbeitszeit ausgehen. Denk daran, auch Pausenzeiten einzuplanen!

    Wenn du früher fertig bist als geplant, dann darfst du das als Erfolg – und nicht als Einladung, noch etwas draufzupacken – verstehen. Das Gefühl, dein Ziel erreicht zu haben, setzt Dopamin frei, gibt dir Selbstwirksamkeit und damit Motivation für den nächsten Tag.

    4. Zurück zu den alten Abläufen

    Oft hat der Urlaub einen „Neujahres-Effekt“ und man hat das Gefühl, die gewohnten Rituale und Routinen verändern und verbessern zu müssen. Klar motiviert das im ersten Moment – es ist ja was Neues und bringt Dopamin – sich am Alten und Gewohnten zu orientieren ist für den Wiedereinstieg aber wertvoller. Deine Ideen rund um neue Abläufe & Co bekommen einstweilen einen Termin für Oktober, wo sie dann gerne etabliert werden können.

    Routinen sind für die meisten Menschen mit ADHS ein Fremdwort, aber so gut wie alle haben ihre Rituale. Egal, welche Rituale „dein Arbeits-Ich“ hat – versuche sie wieder zu aktivieren. So bekommst du nämlich am schnellsten wieder die notwendige Struktur zurück.

    Gewohnte Abläufe helfen deinem Gehirn auch beim Umschalten in den Arbeitsmodus und sind außerdem energiesparend, weil nicht alles permanent und neu entschieden werden muss.

    Wenn du also vor deinem Urlaub immer um 09:30 zu arbeiten begonnen hast, dann mach das auch nach dem Urlaub so. Wenn du vor dem Urlaub deine Inbox noch im Bett beim Kaffee gecheckt hast, dann bleib auch jetzt dabei.

    5. Starte deinen Tag mit kleinen Erfolgen

    Bevor du dich an deine Top-Drei Aufgaben des Tages machst, hol dir Dopamin! Starte deinen Tag mit drei bis sechs Aufgaben, die max. 5 Minuten dauern und dann auch tatsächlich abgeschlossen sind. Denn jeder abgeschlossene Schritt setzt Dopamin frei – und genau das hilft deinem ADHS-Gehirn, in den Arbeitsfluss zu kommen.

    Wenn du Aufgaben hast, die dir keinen Spaß machen, aber erledigt gehören z.B. auf LinkedIn/Insta kommentieren, dann stell dir einen Wecker auf 5 Minuten und challenge dich selbst so viele gute Kommentare wie möglich abzusetzen.

    Die Weckermethode funktioniert auch bei Aufgaben, die leicht von 5 Minuten auf 5 Stunden ausarten könnten. Du kannst z.B. Rechercheaufgaben auf 5-Minuten-Portionen aufteilen.

    Deine „Dopamin-Aufgaben“ müssen nicht zwingend was mit deinem Business zu tun haben, den Mist wegtragen und Betten machen gilt genauso. Hauptsache, du hast gleich zu Beginn des Tages ein Erfolgserlebnis!

    Vertrau deinem eigenen Rhythmus

    Und auch wenn dein erster Arbeitstag – oder sogar deine erste Arbeitswoche nicht nach Wunsch gelaufen ist… Wichtig ist, dass du es versucht hast und du zumindest für dich herausgefunden hast, was nicht funktioniert.

    Denn erfolgreiche Selbstständigkeit mit ADHS bedeutet, die eigenen Stärken zu kennen, dazu passende Strukturen zu entwickeln und auch nach einer Pause mit Vertrauen in deinen eigenen Rhythmus zurückzufinden.

    Die Welt gleich am ersten Arbeitstag aus den Angeln zu heben, gehört ausdrücklich nicht dazu – nach dem Urlaub wieder in die Gänge zu kommen reicht völlig.

    Und falls du nach dem Urlaub nicht allein wieder in die Gänge kommen willst: Genau dafür gibt es uns – the color WE – und unsere Meet-Ups, wie die Body Doubling Sessions und virtuelles Coworking.

  • Keine Aufträge im Sommer

    Keine Aufträge im Sommer

    Warum dich das Sommerloch so sehr an dir zweifeln lässt

    Es ist Anfang August, du hast jetzt endgültig alles abgearbeitet, was von der ersten Jahreshälfte übrig war. Und jetzt?  Jetzt hast du im Sommer keine Aufträge, oder zumindest nicht ganz so viele wie du es dir wünschen würdest.

    Du sitzt am Schreibtisch und diese Ruhe lässt dich zu Grübeln beginnen. Du fragst dich, ob du die ganzen letzten Monate etwas fundamental falsch gemacht hast. Willkommen im August, dem Monat, in dem aus einer ruhigen Auftragslage schon mal eine handfeste Sinnkrise wird.

    Wenn du selbstständig und neurodivergent bist, kennst du dieses Phänomen wahrscheinlich ganz gut. Die geringen Aufträge fühlen sich an wie ein hartes Urteil über dich und deine Skills als Selbstständige. Dabei ist sie einfach nur ein saisonales Muster. Wie sich das anfühlt, weiß Sabine aus eigener Erfahrung:

    „Es ist Ende Juli, das Telefon steht still, und in meinem Kopf geht das Kopfkino los: Keiner meldet sich mehr. Muss ich mich jetzt neu erfinden? Ist mein Thema überhaupt noch das richtige? Vielleicht liegt’s ja an der Homepage… Also hab ich in meinen ersten Jahren jeden Sommer die Website neu gebaut – denn wenn sich keiner meldet, kann es ja nur daran liegen.“

    Schauen wir uns dieses Muster einmal in Ruhe an – und nehmen ihm damit hoffentlich den Schrecken.

    Keine Aufträge im Sommer – Ist das normal?

    Kurze Antwort: ja. Deine Kund*innen liegen am Strand, betreuen ihre Kinder in den Ferien oder verschieben Entscheidungen auf den Herbst. Vielleicht sind auch deine Angebote einfach nichts für die Sommersaison. Weniger Aufträge im Sommer sind in fast jeder Branche völlig üblich.

    Keine Aufträge im Sommer zu haben ist selbst also harmlos. Zur Sinnkrise wird sie erst durch etwas anderes, nämlich Zeit. Das erste Halbjahr über hast du dich vor Arbeit nicht retten können und warst dauernd im „On-Modus“. Durch die Ruhe entsteht jetzt auf einmal Raum zum Nachdenken. Und weil unser Hirn unser größter Feind ist, wird aus „endlich Luft“ ein Verhör:  Bin ich überhaupt gut genug? Passt mein Angebot noch? Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Hab ich schon wieder etwas übersehen?

    Und genau an diesem Punkt kippt ein simpler Kalendereffekt in ein Urteil über dich, deine Kompetenzen und deinen Wert.

    Warum das Sommerloch das ADHS-Gehirn besonders trifft

    Wenn du keine Aufträge im Sommer hast wird das negative Urteil über einen selbst bei Neurodivergenz verstärkt.

    Der Negativ-Bias

    Das positive Feedback des Jahres verdampft, deine nachweislichen Erfolge verschwinden aus der Erinnerung. Die gesammelten Selbstzweifel, und jedes noch so kleine negative Feedback bleiben aber haften. Madeleine beschreibt es so:

    „Letztes Jahr gab’s viele Interessent*innen und viele Möglichkeiten – aber nichts war fix gebucht. Und als ADHSlerin erklärt man sich das natürlich nur mit all den negativen Dingen & Erfahrungen, die man übers Leben mit 45 angesammelt hast. Und dann denkst du dir natürlich: Mich wird niemals jemand buchen, ich bin einfach nicht gut genug. Und wenn sich jemand nicht oder erst sehr spät meldet, war’s natürlich nicht Urlaub oder Krankheit. Nein, die einzig logische Erklärung ist, dass sie mich hassen.“

    Die wegfallende Struktur

    Wenn du normalerweise um neun startest, jetzt aber tagelang keine Termine hast, bleibst du länger im Bett liegen. Anfangs fühlt sich das nach Freiheit an, dann übernimmt aber die „Aufschieberietis“: „Ach, das mach ich morgen. Übermorgen. Nach dem Wochenende.“ Und dann steht der September vor der Tür und du hast das Gefühl, gar nichts geschafft zu haben – was die nächste Krise auslöst.

    Die Reizüberflutung

    Der Sommer ist laut, hell, heiß und voller sozialer Events. Für ein reizoffenes Gehirn bedeutet das Dauerarbeit, und auch das Erholen von sozialen Kontakten dauert in dieser Zeit länger. Während die anderen laue Nächte unter Freund*innen und spontane Treffen im Freibad freuen, denkst du dir: „Ich bin ja schon überfordert, wenn nichts zu tun ist – wie soll dann erst der Herbst werden? Halet ich das überhaupt aus, wenn wieder mehr zu tun ist?“

    Loch oder Hyperfokus – zwei Wege in dieselbe Erschöpfung

    Auf diese Anspannung reagieren neurodivergente Menschen in der Sinnkrise auf zwei gegensätzliche Arten, die verblüffend oft am selben Punkt enden: in der Erschöpfung.

    Der eine Weg ist das Loch: reinfallen, grübeln, alles hinterfragen, sich neu erfinden wollen.

    Der andere Weg ist der Hyperfokus: die scheinbar produktive Flucht nach vorn. Statt die Flaute auszuhalten, stürzt man sich in Projekte – Madeleine fasst es so zusammen: „Heuer spar ich mir die Sinnkrise – aber eine Erholungsphase gönn ich mir auch nicht wirklich. Ich hab das Gefühl, ich könnt 10, 12, 20 Projekte in diesen zwei Monaten machen, und vergesse dabei, dass ein einziges schon viel zu viel wäre. Im Kopf ist ja alles längst fertig.“

    Dazu kommt der Klassiker unter Selbstständigen*: „Ich kann mir ja keinen Urlaub erlauben, ich muss ja für meine Kund*innen da sein.“

    Sowohl der Hyperfokus als auch das „Urlaubsverbot“ speisen sich aus derselben Quelle – Stress bringt Dopamin, und danach lechzen wir die ganze Zeit. Irgendwann meldet sich dann aber der Energiehaushalt, und der lässt nicht mit sich verhandeln.

    So hat es Sabine erlebt: „Drei Wochen Vollgas, eine Woche Knockout – und das Knockout hat sich bei mir früher meistens in einer Krankheit gezeigt. Mein Körper hat gesagt: Das schaffst du nicht. Mit 45 geht sich das einfach nicht mehr aus.“

    Du bist schon genug

    Ebenfalls ein Klassiker bei Sinnkrisen ist es mit Ausbildung „gegenzuarbeiten“.  Als FLINTA-Person sozialisiert und dazu neurodivergent, kennst du das Gefühl „nicht genug zu sein“ nur zu gut. Und wenn man dieses Gefühl nicht durch „Leistung“ auf still stellen kann – also im Sommerloch – braucht es Ausbildungen als Ersatzmaßnahme.

    Deshalb an alle, die das gerade lesen, in aller Deutlichkeit: Du bist schon gut genug. Mach Ausbildungen, weil du es liebst Neues zu lernen. Als Mittel gegen das Sommerloch helfen sie aber nichts.

    Keine Aufträge im Sommer und trotzdem entspannt – 6 Tipps um es leichter zu nehmen

    Sabine und Madeleine haben ihre wichtigsten Learnings zusammengetragen, die sie als Selbstständige und ADHS-Coaches über die Jahre gesammelt haben. Vielleicht ist ja etwas dabei, dass deinen Sommer leichter macht.

    1. Sieh das ganze Jahr als Jahr: Zwei ruhige Monate sind ein kleiner Ausschnitt und nicht die Bilanz. Schau zurück und mach dir bewusst was du bis jetzt schon alles (für dein Business) getan hast.
    2. Vertiefe was schon da ist: Der Sommer eignet sich optimal, um ein bestehendes Angebot zu verfeinern oder ein begonnenes Projekt zum Abschluss zu bringen. So bleibst du schön im Flow, ohne unnötig Energie zu verschwenden.
    3. Arbeite mit Zeitrahmen: Wenn du zu der Fraktion „die Auftragsflaute für anderes nutzen“ gehörst, dann ist das für dich! Setz dir klare Endzeiten, um dich nicht durch den Hyperfokus in die Erschöpfung zu treiben. Denn wenn du nach der Logik „nur noch zwei Stunden“ arbeitest dehnt sich der geplante Arbeitstag verlässlich in die Unendlichkeit aus.
    4. Erlaub dir Survival-Tage: An Tagen mit leerem Akku reicht es das Nötigste zu tun. Frag dich welche Themen heute wirklich sein müssen und belass es dabei. Es gibt Tage an denen Duschen und Zähneputzen das einzige auf der Liste ist und an manchen Tagen ist das eine enorme Leistung.
    5. Plane Erholung fix ein: Trag dir Erholungszeiten in den Kalender ein. Den Termine helfen die guten Vorsätze im Kopf Realität werden zu lassen.
    6. Behandle Freizeit als Reizzeit: Auch ein schöner Nachmittag mit Freund*innen kostet dich mit Neurodivergenz Energie und braucht danach Erholung. Denk also bei denen Freizeitplänen auch daran den Regenerationphasen genug Platz einzuräumen.

    Du musst da nicht allein durch

    Auftragsflaute im Sommer tut weniger weh, wenn jemand mit dir am (virtuellen) Tisch sitzt. Genau dafür gibt es uns – the color WE, das Kollektiv von und für neurospicy Entrepreneurinnen*.
    Werde Teil des Netzwerks und tausche dich mit anderen Selbständigen aus, hol dir Ideen und Unterstützung wann immer es zu deiner Energie passt.

  • Arbeiten mit ADHS im Sommer: 5 Strategien, die helfen

    Arbeiten mit ADHS im Sommer: 5 Strategien, die helfen

    Arbeiten mit ADHS im Sommer fühlt sich für viele neurodivergente Selbstständige an wie ein täglicher Kampf: Hitze, Reizüberflutung und fehlende Struktur lassen Fokus und Motivation einbrechen.

    Auch, wenn die Selbstzweifel und im schlimmsten Fall auch das Umfeld mangelnder Disziplin die Schuld geben, es handelt sich um eine neurobiologische Tatsache: das ADHS-Gehirn arbeitet im Sommer schlicht unter extra erschwerten Bedingungen. Wie sich das anfühlt, kennt Sabine nur zu gut:

    Es ist Mitte Juli und der Thermometer ist gerade auf 38 Grad geklettert. Ich sitze am Schreibtisch und versuche zu arbeiten. Ich merke, wie schwer mir das Arbeiten heute fällt. Es ist heiß, hell und laut und meine ADHS-Symptome zeigen sich sehr verstärkt. Mein Gehirn arbeitet langsamer als sonst und ich lasse mich noch leichter ablenken. Ich beginne gefühlt 1000 Aufgaben gleichzeitig und mir fehlt leider die Energie auch nur eine einzige davon zu Ende zu bringen.

    Ich bemerke, dass ich mir immer wieder neue Dopaminquellen suche und finde mich auf einmal in den Sozialen Medien wieder, wo ich meine Zeit mit doomscrollen und dem Betrachten von Urlaubsfotos fremder Leute verbringe. Meine Motivation ist im Keller…

    So wie Sabine einen „ganz normalen Sommertag“ in der Selbstständigkeit erlebt, geht es wohl vielen von uns.

    Warum Arbeiten mit ADHS im Sommer so viel Energie kostet

    Während sich die meisten neurotypischen Menschen auf Sonne, Urlaub und lange Abende freuen, erleben viele Erwachsene mit ADHS den Sommer als eine Zeit voller zusätzlicher Herausforderungen.

    Die gewohnte Struktur verändert sich durch die Urlaubssaison (der anderen) und das Sommerloch im eigenen Business. Die Sommermonate sind „heißer, lauter, greller“ als der Rest des Jahres, und überall locken Ablenkungen. Da ist es kein Wunder, dass Konzentration, Motivation und Produktivität deutlich nachlassen, denn das ADHS-Gehirn muss ständig neue und intensive Reize verarbeiten. Den Fokus zu halten, kostet mehr Energie denn je. Und das erschöpft.

    Hohe Temperaturen können zusätzlich Konzentration und Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen. Das liegt zum einen daran, dass neurodivergente Menschen häufiger Probleme mit der Temperaturregulierung haben als neurotypische Menschen, und zum anderen an Psychopharmaka wie Antidepressiva und Ritalin, die weiters zur Hitzeempfindlichkeit beitragen. Genau deshalb ist Arbeiten mit ADHS im Sommer für viele anstrengender als in jeder anderen Jahreszeit.

    Das bedeutet nicht, dass man weniger leistungsfähig ist – das Gehirn arbeitet nur unter erschwerten Bedingungen.

    Wenn ungeliebte Themen noch schwerer zu meistern werden…

    Wie auch viele andere mit ADHS hat Sissi sich einige „Projekte“ für die Business-technisch ruhigeren Sommermonate aufgehoben. Wobei es bei ihr wohl eher „aufgeschoben“ heißen sollte…

    Meine Sommerprojekte sind Dinge, die ich schon das ganze Jahr über vor mich hergeschoben habe, weil sie mir keinen Spaß (mehr) machen.“, gibt Sissi zu „Ich wollte, die ruhige Zeit nutzen, um endlich mein Marketing-Set up, auf die Reihe zu bekommen. Und dann gibt’s da auch noch den Teil des Selbststudiums bei meiner Ausbildung. Aber…

    Sissis „aber“ kennen vermutlich alle von uns. Wir heben uns Projekte für den Sommer auf, die keine echten Deadlines haben, die wir „nur für uns“ machen sollen, die sich „zu groß“ anfühlen, um sie neben dem Tagesgeschäft zu stemmen, die zu „langweilig sind“, um sie uns zusätzlich zum Tagesgeschäft anzutun.

    Jetzt fehlt es aber an gewohnten Strukturen, wir haben scheinbar unendlich viel Zeit und unsere Freundeskreise planen Aktivitäten, die um einiges spannender klingen als das Sommerprojekt. Damit Sissi doch noch ihre ungeliebten Projekte abschließen kann, nutzt sie einfach ihre People Pleasing Tendenzen…

    Wenn die „langsame Zeit“ zur Burnout-Falle wird

    Madeleine war noch nie der Fan von Sommer-Urlaub und hat die Sommermonate auch schon in ihrer angestellten Zeit dafür genutzt endlich in Ruhe zu arbeiten.  

    Der Sommer war für mich schon immer die Zeit, in der ich endlich nach meinem eigenen Rhythmus arbeiten konnte. Das Telefon klingelt nicht ständig, die Menge an E-Mails ist überschaubar und statt fünf Terminen pro Tag sind es fünf in der Woche. Natürlich versuch‘ ich diese Zeit für meine Herzensprojekte und strategisches Arbeiten zu nutzen, und arbeite im gewohnten Tempo und Intensität weiter.“

    Wenn man nicht aufpasst, hat diese Herangehensweise aber einen Haken… Während sich die anderen im Sommer erholen und ein wenig kürzer treten, besteht die Gefahr, dass Leute wie Madeleine das Jahr durcharbeiten. Die kollektive „back to business Euphorie“ im September, die „Jahresendpanik“ im Dezember und die „jetzt wird alles anders & besser Illusion“ im Jänner, lassen ebenfalls kaum Pausen zu.

    Wenn du im Sommer nicht erreichbar bist und dich erst nach einigen Tagen zurückmeldest versteht das jeder. Wenn du aber im Herbst oder Winter mal eine Woche nicht erreichbar bist, kann das schon mal auf Unverständnis stoßen.“, so Madeleine und weiter: „Ich versuche für mich immer noch die perfekte Balance zu finden, aber ich bin schon nah dran. Zum einen nehm ich mir im Sommer zwischendurch vereinzelte Tage frei, fürs Abschalten & den Tapetenwechsel. Zum anderen plane ich meine Urlaubszeiten bereits im November für das kommende Jahr und teile das auch frühzeitig meinen Klient*innen mit. So gibt’s keine Überraschungen und Wunsch-Deadlines kann ich auch einhalten.“

    Fünf Strategien fürs entspanntere Arbeiten mit ADHS im Sommer

    Sabine hat uns ihre fünf Strategien zusammengefasst, die sie durch den Sommer bringen. Sie gesteht aber, dass sie es nicht immer schafftalle Strategien in die Tat umzusetzen. Manchmal klappt nichts, manchmal nur eine davon, manchmal alle. Aber, so Sabine:

    Wann immer ich mich an die Strategien halte, merke ich um wieviel angenehmer ein Arbeitstag wird!“

    1. Leistungsstärksten Stunden nutzen
      Ich plane anspruchsvolle Aufgaben möglichst am frühen Morgen oder am späten Nachmittag ein. Ich sowie viele andere Menschen können dann konzentrierter arbeiten als während der größten Hitze.
    2. Reduziere Entscheidungen
      Je weniger Energie für kleine Entscheidungen verbraucht wird, desto mehr bleibt für wichtige Aufgaben. Ich lege mir deshalb Kleidung am Abend zuvor raus, auch mein Mittagessen oder generell die Tagesplanung entscheide ich am Vorabend.
    3. Arbeite in kurzen Fokusphasen
      Statt stundenlang durchzuarbeiten, helfen mir kleine Arbeitspakete, in denen ich 25 bis 45 Minuten konzentriert arbeite. Dazwischen mach ich eine kurze Bewegungspausen zu einem kühlen Getränk. Das hält die Aufmerksamkeit stabil.
    4. Regelmäßig Energie auftanken
      Ausreichend trinken, leichte Mahlzeiten und kleine Bewegungseinheiten helfen meinem Gehirn, leistungsfähig zu bleiben. Auch kurze Aufenthalte im Schatten oder an der frischen Luft wirken bei mir Wunder.
    5. Mehr Selbstfürsorge
      Ich versuche mit nicht mit neurotypischen Menschen zu vergleichen, sondern zu akzeptiere, dass mein Gehirn auf äußere Bedingungen stärker reagiert. Nicht jeder Sommertag wird gleich oder generell produktiv sein, und das ist auch ok so!

    Du willst auch im Sommer an deinem Business weiterarbeiten, aber das Arbeiten mit ADHS im Sommer fällt dir gerade schwer? Wir – the color WE – bieten wöchentliche Body Doubling Session und virtuelles Co-Working an! Einfach Mitglied beim Kollektiv für neurospicy Entrepreneurinnen* werden und dein Sommer ist gerettet!