Es ist der erste Montag im September, der erste Montag nach deinem Urlaub. Der Laptop ist aufgeklappt, der Kaffee steht daneben, das Postfach zeigt 87 ungelesene Mails, und die To-Do-Liste vom Juli wartet auch noch auf dich.
Eigentlich hast du dich sogar gefreut, nach dem ruhigen Sommer wieder mit Vollgas zu arbeiten. Und jetzt, wo es losgehen sollte, fühlst du dich wie gelähmt. Statt Hyperfokus stellt sich bei dir eine Mischung aus Frust und Selbstzweifel ein. Nach dem Urlaub kommst du einfach nicht mehr in die Gänge…
Wenn der Urlaub bei ADHS mehr Energie kostet als bringt
Kurzurlaub, Sommerpause oder auch nur ein paar ruhigere Wochen tun gut. Ein Tapetenwechsel bringt neue Perspektiven, ein Ortswechsel erlaubt die ungeliebten Alltagspflichten zu vergessen. Ein Traum! Unweigerlich steht dann aber auch wieder der erste Arbeitstag nach der Auszeit an – und er bringt einiges an Herausforderungen mit sich.
Sabine beschreibt ihr Gefühl am ersten Arbeitstag wie folgt:
„Ich fühl mich, als ob ich einen Jetlag habe; ich bin enorm müde, bin unmotiviert und mein Energietank ist leer, obwohl der Urlaub erholsam war.“
Während andere voller Energie loslegen, fällt es Madeleine schwer, nach dem Urlaub in die Gänge zu kommen. Für sie fühlt es sich an, als müsste sie ohne Hilfe eine Dampflok in Bewegung bringen.
Abläufe und Rituale, die vor der Pause ganz selbstverständlich zu deinem Arbeitsalltag gehört haben, werden auf einmal wieder zur Herausforderung. Der Start fühlt sich schwer an, die Motivation lässt auf sich warten, und das Umschalten von Erholung auf Leistung will einfach nicht gelingen.
Doch warum ist das so?
Warum es ADHS-Hirnen so viel Energie kostet, nach dem Urlaub wieder in die Gänge zu kommen
Nach einer Pause fehlen neurospicy Hirnen gleich drei Dinge, um den „Back to Work Modus“ für die Selbstständigkeit zu aktivieren: die gewohnten Rituale, der innere Antrieb und eine Struktur, die den Wiedereinstieg erleichtert.
Der erste Arbeitstag bedeutet für selbstständige Menschen mit ADHS also:
- „von Urlaub auf Alltag“ umzuschalten – also die gewohnten Abläufe zu reaktivieren,
- „Erholung in Leistung“ umzuwandeln – somit Zugriff auf den inneren Antrieb zu haben,
- eine Struktur
- für sich selbst finden, mit der man den Wiedereinstieg organisieren kann, UND
- generell wieder eine Struktur für die Selbstständigkeit etablieren.
So aufgesplittet erklärt es sich fast von selbst, warum der Wiedereinstieg nach dem Urlaub ADHS Hirnen besonders viel Energie kostet.
Die typischen Zeichen, dass du nach dem Urlaub nicht in die Gänge kommst
Nicht jede Person hat ein klares Jetlag- oder Dampflok-Gefühl, wie es Sabine & Madeleine beschrieben haben. Bei manchen Menschen sind es mehrere Thematiken, die nach dem Urlaub geschachtelt auftreten. Einzeln betrachtet, gehören sie für die meisten zum „normalen ADHS-Leben“ dazu:
- Startschwierigkeiten: Der Arbeitstart wird immer wieder verschoben und man hat keine Ahnung, womit man eigentlich beginnen soll.
- Gewohnte Arbeitsabläufe fallen schwer: Auch wenn man es vor dem Urlaub im Schlaf konnte, fühlt sich jetzt alles unlogisch, unpraktisch oder komplett neu an.
- Motivations- und Planlosigkeit: Unterschiedlichste Aufgaben und Arbeiten werden begonnen und gleich wieder beendet, weil man den Sinn darin nicht sieht. Und Freude stellt sich auch nicht ein.
- Überforderung: Die Aufgaben, die vor dem Urlaub liegen geblieben sind, fühlen sich riesig und fast nicht bewältigbar an.
- Perfektionismus als Coping-Strategie: Das schlechte Gewissen stellt sich ein, weil man nach dem Urlaub ja eigentlich erholt und mit doppelter Energie Dinge voranbringen sollte. Deshalb stellt sich der Perfektionismus ein und zwingt uns unrealistische To-Do-Listen zu erstellen.
Deine 5-Schritte-Strategie nach dem Urlaub
Damit du nach deinem Urlaub nicht gleich in einem Freeze- und Frustloch landest, haben wir dir eine 5-Schritte-Strategie vorbereitet, mit der du nach dem Urlaub wieder in die Gänge kommst. So bekommst du leichter deine Struktur, inneren Antrieb und gewohnte Abläufe zurück.
1. Überblick verschaffen
Bevor du Mails beantwortest oder neue Projekte beginnst, verschaff dir zuerst einen Überblick über alles:
- Was ist an Aufgaben offen geblieben?
- Welche Aufgaben sind während meines Urlaubs neu dazugekommen?
- Haben sich bei meinen Aufgaben Anforderungen verändert?
- Haben sich Deadlines verändert?
- Haben sich Prioritäten verändert?
Am besten schreibst du für jede Aufgabe ein eigenes Kärtchen oder Post-it. So entlastet du dein Arbeitsgedächtnis und hast eine einfache Möglichkeit geschaffen, um deine Aufgaben zu organisieren & priorisieren. Das hilft sofort gegen das Gefühl der Überforderung.
Wenn du noch eins drauf setzen willst, dann kannst du die Aufgaben noch um eine Zeitschätzung ergänzen. Schreib einfach dazu, wie lange du glaubst für die Erledigung zu brauchen.
2. Top-Drei Aufgaben festlegen
Jetzt, wo du den Überblick hast, geht’s darum, deine Top-Drei Aufgaben festzulegen. Du solltest pro Arbeitstag deiner ersten Arbeitswoche drei Aufgaben haben. Schau dir dazu deine offenen Aufgaben durch und stell dir folgende Fragen:
- Welche dieser Aufgaben schaffen es, meinen inneren Antrieb am schnellsten zu reaktivieren?
- Welche dieser Aufgaben lassen sich am ehesten innerhalb meiner gewohnten Abläufe erledigen?
- Welche dieser Aufgaben helfen mir am meisten meine unternehmerischen Ziele zu erreichen?
Wenn du Glück hast, findest du Aufgaben, die alle drei Anforderungen erfüllen. Wenn nicht, dann stell dir eine „gute Mischung“ zusammen. Das wichtigste ist es, Aufgaben zu wählen, die dich schnell wieder in deinen üblichen Arbeitsmodus bringen können.
Nur damits da keine Missverständnisse gibt… Eine Aufgabe ist eine klar abgegrenzte Tätigkeit, die man innerhalb von maximal einem Tag erledigen kann! Einen Blogartikel zu verfassen kann also eine Aufgabe sein. Die „Website neu zu machen“ ist hingegen ein Projekt mit mehreren Aufgaben.
3. Realistische Tages- und Wochenplanung festlegen
Weil Menschen mit ADHS häufig unterschätzen, wie lange es tatsächlich dauert, eine Aufgabe zu erledigen, ist eine realistische Tages- und Wochenplanung der Schlüssel fürs dranbleiben!
Deshalb ist es bei der Tages- und Wochenplanung wichtig zu bedenken, wie viel Zeit deine geplanten Aufgaben wirklich brauchen.
Gleichgültig, ob du deine Zeitschätzung mit oder ohne Kärtchen machst; sei bei deinen Zeitschätzungen lieber ein bisschen pessimistisch! Plane außerdem bewusst Pufferzeiten zwischen den einzelnen Aufgaben ein. Du weißt ja, wie schwer es ist, von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln.
Verteile deine Aufgaben jetzt so auf die einzelnen Arbeitstage, dass sich drei Aufgaben innerhalb von deiner jeweiligen Wunscharbeitszeit ausgehen. Denk daran, auch Pausenzeiten einzuplanen!
Wenn du früher fertig bist als geplant, dann darfst du das als Erfolg – und nicht als Einladung, noch etwas draufzupacken – verstehen. Das Gefühl, dein Ziel erreicht zu haben, setzt Dopamin frei, gibt dir Selbstwirksamkeit und damit Motivation für den nächsten Tag.
4. Zurück zu den alten Abläufen
Oft hat der Urlaub einen „Neujahres-Effekt“ und man hat das Gefühl, die gewohnten Rituale und Routinen verändern und verbessern zu müssen. Klar motiviert das im ersten Moment – es ist ja was Neues und bringt Dopamin – sich am Alten und Gewohnten zu orientieren ist für den Wiedereinstieg aber wertvoller. Deine Ideen rund um neue Abläufe & Co bekommen einstweilen einen Termin für Oktober, wo sie dann gerne etabliert werden können.
Routinen sind für die meisten Menschen mit ADHS ein Fremdwort, aber so gut wie alle haben ihre Rituale. Egal, welche Rituale „dein Arbeits-Ich“ hat – versuche sie wieder zu aktivieren. So bekommst du nämlich am schnellsten wieder die notwendige Struktur zurück.
Gewohnte Abläufe helfen deinem Gehirn auch beim Umschalten in den Arbeitsmodus und sind außerdem energiesparend, weil nicht alles permanent und neu entschieden werden muss.
Wenn du also vor deinem Urlaub immer um 09:30 zu arbeiten begonnen hast, dann mach das auch nach dem Urlaub so. Wenn du vor dem Urlaub deine Inbox noch im Bett beim Kaffee gecheckt hast, dann bleib auch jetzt dabei.
5. Starte deinen Tag mit kleinen Erfolgen
Bevor du dich an deine Top-Drei Aufgaben des Tages machst, hol dir Dopamin! Starte deinen Tag mit drei bis sechs Aufgaben, die max. 5 Minuten dauern und dann auch tatsächlich abgeschlossen sind. Denn jeder abgeschlossene Schritt setzt Dopamin frei – und genau das hilft deinem ADHS-Gehirn, in den Arbeitsfluss zu kommen.
Wenn du Aufgaben hast, die dir keinen Spaß machen, aber erledigt gehören z.B. auf LinkedIn/Insta kommentieren, dann stell dir einen Wecker auf 5 Minuten und challenge dich selbst so viele gute Kommentare wie möglich abzusetzen.
Die Weckermethode funktioniert auch bei Aufgaben, die leicht von 5 Minuten auf 5 Stunden ausarten könnten. Du kannst z.B. Rechercheaufgaben auf 5-Minuten-Portionen aufteilen.
Deine „Dopamin-Aufgaben“ müssen nicht zwingend was mit deinem Business zu tun haben, den Mist wegtragen und Betten machen gilt genauso. Hauptsache, du hast gleich zu Beginn des Tages ein Erfolgserlebnis!
Vertrau deinem eigenen Rhythmus
Und auch wenn dein erster Arbeitstag – oder sogar deine erste Arbeitswoche nicht nach Wunsch gelaufen ist… Wichtig ist, dass du es versucht hast und du zumindest für dich herausgefunden hast, was nicht funktioniert.
Denn erfolgreiche Selbstständigkeit mit ADHS bedeutet, die eigenen Stärken zu kennen, dazu passende Strukturen zu entwickeln und auch nach einer Pause mit Vertrauen in deinen eigenen Rhythmus zurückzufinden.
Die Welt gleich am ersten Arbeitstag aus den Angeln zu heben, gehört ausdrücklich nicht dazu – nach dem Urlaub wieder in die Gänge zu kommen reicht völlig.
Und falls du nach dem Urlaub nicht allein wieder in die Gänge kommen willst: Genau dafür gibt es uns – the color WE – und unsere Meet-Ups, wie die Body Doubling Sessions und virtuelles Coworking.



