Arbeiten mit ADHS im Sommer fühlt sich für viele neurodivergente Selbstständige an wie ein täglicher Kampf: Hitze, Reizüberflutung und fehlende Struktur lassen Fokus und Motivation einbrechen.
Auch, wenn die Selbstzweifel und im schlimmsten Fall auch das Umfeld mangelnder Disziplin die Schuld geben, es handelt sich um eine neurobiologische Tatsache: das ADHS-Gehirn arbeitet im Sommer schlicht unter extra erschwerten Bedingungen. Wie sich das anfühlt, kennt Sabine nur zu gut:
Es ist Mitte Juli und der Thermometer ist gerade auf 38 Grad geklettert. Ich sitze am Schreibtisch und versuche zu arbeiten. Ich merke, wie schwer mir das Arbeiten heute fällt. Es ist heiß, hell und laut und meine ADHS-Symptome zeigen sich sehr verstärkt. Mein Gehirn arbeitet langsamer als sonst und ich lasse mich noch leichter ablenken. Ich beginne gefühlt 1000 Aufgaben gleichzeitig und mir fehlt leider die Energie auch nur eine einzige davon zu Ende zu bringen.
Ich bemerke, dass ich mir immer wieder neue Dopaminquellen suche und finde mich auf einmal in den Sozialen Medien wieder, wo ich meine Zeit mit doomscrollen und dem Betrachten von Urlaubsfotos fremder Leute verbringe. Meine Motivation ist im Keller…
So wie Sabine einen „ganz normalen Sommertag“ in der Selbstständigkeit erlebt, geht es wohl vielen von uns.
Warum Arbeiten mit ADHS im Sommer so viel Energie kostet
Während sich die meisten neurotypischen Menschen auf Sonne, Urlaub und lange Abende freuen, erleben viele Erwachsene mit ADHS den Sommer als eine Zeit voller zusätzlicher Herausforderungen.
Die gewohnte Struktur verändert sich durch die Urlaubssaison (der anderen) und das Sommerloch im eigenen Business. Die Sommermonate sind „heißer, lauter, greller“ als der Rest des Jahres, und überall locken Ablenkungen. Da ist es kein Wunder, dass Konzentration, Motivation und Produktivität deutlich nachlassen, denn das ADHS-Gehirn muss ständig neue und intensive Reize verarbeiten. Den Fokus zu halten, kostet mehr Energie denn je. Und das erschöpft.
Hohe Temperaturen können zusätzlich Konzentration und Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen. Das liegt zum einen daran, dass neurodivergente Menschen häufiger Probleme mit der Temperaturregulierung haben als neurotypische Menschen, und zum anderen an Psychopharmaka wie Antidepressiva und Ritalin, die weiters zur Hitzeempfindlichkeit beitragen. Genau deshalb ist Arbeiten mit ADHS im Sommer für viele anstrengender als in jeder anderen Jahreszeit.
Das bedeutet nicht, dass man weniger leistungsfähig ist – das Gehirn arbeitet nur unter erschwerten Bedingungen.
Wenn ungeliebte Themen noch schwerer zu meistern werden…
Wie auch viele andere mit ADHS hat Sissi sich einige „Projekte“ für die Business-technisch ruhigeren Sommermonate aufgehoben. Wobei es bei ihr wohl eher „aufgeschoben“ heißen sollte…
„Meine Sommerprojekte sind Dinge, die ich schon das ganze Jahr über vor mich hergeschoben habe, weil sie mir keinen Spaß (mehr) machen.“, gibt Sissi zu „Ich wollte, die ruhige Zeit nutzen, um endlich mein Marketing-Set up, auf die Reihe zu bekommen. Und dann gibt’s da auch noch den Teil des Selbststudiums bei meiner Ausbildung. Aber…“
Sissis „aber“ kennen vermutlich alle von uns. Wir heben uns Projekte für den Sommer auf, die keine echten Deadlines haben, die wir „nur für uns“ machen sollen, die sich „zu groß“ anfühlen, um sie neben dem Tagesgeschäft zu stemmen, die zu „langweilig sind“, um sie uns zusätzlich zum Tagesgeschäft anzutun.
Jetzt fehlt es aber an gewohnten Strukturen, wir haben scheinbar unendlich viel Zeit und unsere Freundeskreise planen Aktivitäten, die um einiges spannender klingen als das Sommerprojekt. Damit Sissi doch noch ihre ungeliebten Projekte abschließen kann, nutzt sie einfach ihre People Pleasing Tendenzen…
Wenn die „langsame Zeit“ zur Burnout-Falle wird
Madeleine war noch nie der Fan von Sommer-Urlaub und hat die Sommermonate auch schon in ihrer angestellten Zeit dafür genutzt endlich in Ruhe zu arbeiten.
„Der Sommer war für mich schon immer die Zeit, in der ich endlich nach meinem eigenen Rhythmus arbeiten konnte. Das Telefon klingelt nicht ständig, die Menge an E-Mails ist überschaubar und statt fünf Terminen pro Tag sind es fünf in der Woche. Natürlich versuch‘ ich diese Zeit für meine Herzensprojekte und strategisches Arbeiten zu nutzen, und arbeite im gewohnten Tempo und Intensität weiter.“
Wenn man nicht aufpasst, hat diese Herangehensweise aber einen Haken… Während sich die anderen im Sommer erholen und ein wenig kürzer treten, besteht die Gefahr, dass Leute wie Madeleine das Jahr durcharbeiten. Die kollektive „back to business Euphorie“ im September, die „Jahresendpanik“ im Dezember und die „jetzt wird alles anders & besser Illusion“ im Jänner, lassen ebenfalls kaum Pausen zu.
„Wenn du im Sommer nicht erreichbar bist und dich erst nach einigen Tagen zurückmeldest versteht das jeder. Wenn du aber im Herbst oder Winter mal eine Woche nicht erreichbar bist, kann das schon mal auf Unverständnis stoßen.“, so Madeleine und weiter: „Ich versuche für mich immer noch die perfekte Balance zu finden, aber ich bin schon nah dran. Zum einen nehm ich mir im Sommer zwischendurch vereinzelte Tage frei, fürs Abschalten & den Tapetenwechsel. Zum anderen plane ich meine Urlaubszeiten bereits im November für das kommende Jahr und teile das auch frühzeitig meinen Klient*innen mit. So gibt’s keine Überraschungen und Wunsch-Deadlines kann ich auch einhalten.“
Fünf Strategien fürs entspanntere Arbeiten mit ADHS im Sommer
Sabine hat uns ihre fünf Strategien zusammengefasst, die sie durch den Sommer bringen. Sie gesteht aber, dass sie es nicht immer schafftalle Strategien in die Tat umzusetzen. Manchmal klappt nichts, manchmal nur eine davon, manchmal alle. Aber, so Sabine:
„Wann immer ich mich an die Strategien halte, merke ich um wieviel angenehmer ein Arbeitstag wird!“
- Leistungsstärksten Stunden nutzen
Ich plane anspruchsvolle Aufgaben möglichst am frühen Morgen oder am späten Nachmittag ein. Ich sowie viele andere Menschen können dann konzentrierter arbeiten als während der größten Hitze. - Reduziere Entscheidungen
Je weniger Energie für kleine Entscheidungen verbraucht wird, desto mehr bleibt für wichtige Aufgaben. Ich lege mir deshalb Kleidung am Abend zuvor raus, auch mein Mittagessen oder generell die Tagesplanung entscheide ich am Vorabend. - Arbeite in kurzen Fokusphasen
Statt stundenlang durchzuarbeiten, helfen mir kleine Arbeitspakete, in denen ich 25 bis 45 Minuten konzentriert arbeite. Dazwischen mach ich eine kurze Bewegungspausen zu einem kühlen Getränk. Das hält die Aufmerksamkeit stabil. - Regelmäßig Energie auftanken
Ausreichend trinken, leichte Mahlzeiten und kleine Bewegungseinheiten helfen meinem Gehirn, leistungsfähig zu bleiben. Auch kurze Aufenthalte im Schatten oder an der frischen Luft wirken bei mir Wunder. - Mehr Selbstfürsorge
Ich versuche mit nicht mit neurotypischen Menschen zu vergleichen, sondern zu akzeptiere, dass mein Gehirn auf äußere Bedingungen stärker reagiert. Nicht jeder Sommertag wird gleich oder generell produktiv sein, und das ist auch ok so!
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