Warum dich das Sommerloch so sehr an dir zweifeln lässt
Es ist Anfang August, du hast jetzt endgültig alles abgearbeitet, was von der ersten Jahreshälfte übrig war. Und jetzt? Jetzt hast du im Sommer keine Aufträge, oder zumindest nicht ganz so viele wie du es dir wünschen würdest.
Du sitzt am Schreibtisch und diese Ruhe lässt dich zu Grübeln beginnen. Du fragst dich, ob du die ganzen letzten Monate etwas fundamental falsch gemacht hast. Willkommen im August, dem Monat, in dem aus einer ruhigen Auftragslage schon mal eine handfeste Sinnkrise wird.
Wenn du selbstständig und neurodivergent bist, kennst du dieses Phänomen wahrscheinlich ganz gut. Die geringen Aufträge fühlen sich an wie ein hartes Urteil über dich und deine Skills als Selbstständige. Dabei ist sie einfach nur ein saisonales Muster. Wie sich das anfühlt, weiß Sabine aus eigener Erfahrung:
„Es ist Ende Juli, das Telefon steht still, und in meinem Kopf geht das Kopfkino los: Keiner meldet sich mehr. Muss ich mich jetzt neu erfinden? Ist mein Thema überhaupt noch das richtige? Vielleicht liegt’s ja an der Homepage… Also hab ich in meinen ersten Jahren jeden Sommer die Website neu gebaut – denn wenn sich keiner meldet, kann es ja nur daran liegen.“
Schauen wir uns dieses Muster einmal in Ruhe an – und nehmen ihm damit hoffentlich den Schrecken.
Keine Aufträge im Sommer – Ist das normal?
Kurze Antwort: ja. Deine Kund*innen liegen am Strand, betreuen ihre Kinder in den Ferien oder verschieben Entscheidungen auf den Herbst. Vielleicht sind auch deine Angebote einfach nichts für die Sommersaison. Weniger Aufträge im Sommer sind in fast jeder Branche völlig üblich.
Keine Aufträge im Sommer zu haben ist selbst also harmlos. Zur Sinnkrise wird sie erst durch etwas anderes, nämlich Zeit. Das erste Halbjahr über hast du dich vor Arbeit nicht retten können und warst dauernd im „On-Modus“. Durch die Ruhe entsteht jetzt auf einmal Raum zum Nachdenken. Und weil unser Hirn unser größter Feind ist, wird aus „endlich Luft“ ein Verhör: Bin ich überhaupt gut genug? Passt mein Angebot noch? Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Hab ich schon wieder etwas übersehen?
Und genau an diesem Punkt kippt ein simpler Kalendereffekt in ein Urteil über dich, deine Kompetenzen und deinen Wert.
Warum das Sommerloch das ADHS-Gehirn besonders trifft
Wenn du keine Aufträge im Sommer hast wird das negative Urteil über einen selbst bei Neurodivergenz verstärkt.
Der Negativ-Bias
Das positive Feedback des Jahres verdampft, deine nachweislichen Erfolge verschwinden aus der Erinnerung. Die gesammelten Selbstzweifel, und jedes noch so kleine negative Feedback bleiben aber haften. Madeleine beschreibt es so:
„Letztes Jahr gab’s viele Interessent*innen und viele Möglichkeiten – aber nichts war fix gebucht. Und als ADHSlerin erklärt man sich das natürlich nur mit all den negativen Dingen & Erfahrungen, die man übers Leben mit 45 angesammelt hast. Und dann denkst du dir natürlich: Mich wird niemals jemand buchen, ich bin einfach nicht gut genug. Und wenn sich jemand nicht oder erst sehr spät meldet, war’s natürlich nicht Urlaub oder Krankheit. Nein, die einzig logische Erklärung ist, dass sie mich hassen.“
Die wegfallende Struktur
Wenn du normalerweise um neun startest, jetzt aber tagelang keine Termine hast, bleibst du länger im Bett liegen. Anfangs fühlt sich das nach Freiheit an, dann übernimmt aber die „Aufschieberietis“: „Ach, das mach ich morgen. Übermorgen. Nach dem Wochenende.“ Und dann steht der September vor der Tür und du hast das Gefühl, gar nichts geschafft zu haben – was die nächste Krise auslöst.
Die Reizüberflutung
Der Sommer ist laut, hell, heiß und voller sozialer Events. Für ein reizoffenes Gehirn bedeutet das Dauerarbeit, und auch das Erholen von sozialen Kontakten dauert in dieser Zeit länger. Während die anderen laue Nächte unter Freund*innen und spontane Treffen im Freibad freuen, denkst du dir: „Ich bin ja schon überfordert, wenn nichts zu tun ist – wie soll dann erst der Herbst werden? Halet ich das überhaupt aus, wenn wieder mehr zu tun ist?“
Loch oder Hyperfokus – zwei Wege in dieselbe Erschöpfung
Auf diese Anspannung reagieren neurodivergente Menschen in der Sinnkrise auf zwei gegensätzliche Arten, die verblüffend oft am selben Punkt enden: in der Erschöpfung.
Der eine Weg ist das Loch: reinfallen, grübeln, alles hinterfragen, sich neu erfinden wollen.
Der andere Weg ist der Hyperfokus: die scheinbar produktive Flucht nach vorn. Statt die Flaute auszuhalten, stürzt man sich in Projekte – Madeleine fasst es so zusammen: „Heuer spar ich mir die Sinnkrise – aber eine Erholungsphase gönn ich mir auch nicht wirklich. Ich hab das Gefühl, ich könnt 10, 12, 20 Projekte in diesen zwei Monaten machen, und vergesse dabei, dass ein einziges schon viel zu viel wäre. Im Kopf ist ja alles längst fertig.“
Dazu kommt der Klassiker unter Selbstständigen*: „Ich kann mir ja keinen Urlaub erlauben, ich muss ja für meine Kund*innen da sein.“
Sowohl der Hyperfokus als auch das „Urlaubsverbot“ speisen sich aus derselben Quelle – Stress bringt Dopamin, und danach lechzen wir die ganze Zeit. Irgendwann meldet sich dann aber der Energiehaushalt, und der lässt nicht mit sich verhandeln.
So hat es Sabine erlebt: „Drei Wochen Vollgas, eine Woche Knockout – und das Knockout hat sich bei mir früher meistens in einer Krankheit gezeigt. Mein Körper hat gesagt: Das schaffst du nicht. Mit 45 geht sich das einfach nicht mehr aus.“
Du bist schon genug
Ebenfalls ein Klassiker bei Sinnkrisen ist es mit Ausbildung „gegenzuarbeiten“. Als FLINTA-Person sozialisiert und dazu neurodivergent, kennst du das Gefühl „nicht genug zu sein“ nur zu gut. Und wenn man dieses Gefühl nicht durch „Leistung“ auf still stellen kann – also im Sommerloch – braucht es Ausbildungen als Ersatzmaßnahme.
Deshalb an alle, die das gerade lesen, in aller Deutlichkeit: Du bist schon gut genug. Mach Ausbildungen, weil du es liebst Neues zu lernen. Als Mittel gegen das Sommerloch helfen sie aber nichts.
Keine Aufträge im Sommer und trotzdem entspannt – 6 Tipps um es leichter zu nehmen
Sabine und Madeleine haben ihre wichtigsten Learnings zusammengetragen, die sie als Selbstständige und ADHS-Coaches über die Jahre gesammelt haben. Vielleicht ist ja etwas dabei, dass deinen Sommer leichter macht.
- Sieh das ganze Jahr als Jahr: Zwei ruhige Monate sind ein kleiner Ausschnitt und nicht die Bilanz. Schau zurück und mach dir bewusst was du bis jetzt schon alles (für dein Business) getan hast.
- Vertiefe was schon da ist: Der Sommer eignet sich optimal, um ein bestehendes Angebot zu verfeinern oder ein begonnenes Projekt zum Abschluss zu bringen. So bleibst du schön im Flow, ohne unnötig Energie zu verschwenden.
- Arbeite mit Zeitrahmen: Wenn du zu der Fraktion „die Auftragsflaute für anderes nutzen“ gehörst, dann ist das für dich! Setz dir klare Endzeiten, um dich nicht durch den Hyperfokus in die Erschöpfung zu treiben. Denn wenn du nach der Logik „nur noch zwei Stunden“ arbeitest dehnt sich der geplante Arbeitstag verlässlich in die Unendlichkeit aus.
- Erlaub dir Survival-Tage: An Tagen mit leerem Akku reicht es das Nötigste zu tun. Frag dich welche Themen heute wirklich sein müssen und belass es dabei. Es gibt Tage an denen Duschen und Zähneputzen das einzige auf der Liste ist und an manchen Tagen ist das eine enorme Leistung.
- Plane Erholung fix ein: Trag dir Erholungszeiten in den Kalender ein. Den Termine helfen die guten Vorsätze im Kopf Realität werden zu lassen.
- Behandle Freizeit als Reizzeit: Auch ein schöner Nachmittag mit Freund*innen kostet dich mit Neurodivergenz Energie und braucht danach Erholung. Denk also bei denen Freizeitplänen auch daran den Regenerationphasen genug Platz einzuräumen.
Du musst da nicht allein durch
Auftragsflaute im Sommer tut weniger weh, wenn jemand mit dir am (virtuellen) Tisch sitzt. Genau dafür gibt es uns – the color WE, das Kollektiv von und für neurospicy Entrepreneurinnen*.
Werde Teil des Netzwerks und tausche dich mit anderen Selbständigen aus, hol dir Ideen und Unterstützung wann immer es zu deiner Energie passt.


Schreibe einen Kommentar